Reizüberflutung

Wir leben in einer Gesellschaft, an der wir an jeder Ecke mit Reizen überschüttet werden. Immerzu suchen die meisten Entertainment, sie wollen unterhalten werden und bemerken dabei nicht, wie es sie selbst zerstört. Schon Kinder dürfen sich nicht langweilen. Immer meinen wir, sie unterhalten zu müssen. Kaum einer kann Ruhe aushalten. Ich habe Menschen getroffen, die niemals auf dem Land leben könnten, weil es ihnen da zu ruhig ist,  wobei das Landleben heute schon ebenso reizüberflutet ist. Man muss schon wirklich weit raus – am besten auf eine Insel oder Halbinsel,  in einen Wald oder hoch ins Gebirge ziehen-um wirklich Ruhe haben zu können. Obwohl auch da, die Massen einmal im Jahr wie Heuschrecken einfallen, um sich von der Hektik und der Reizüberflutung im Allgemeinen zu erholen. Verrückt dabei ist, dass sie aber in der sogenannten Erholung erwarten, dass sie unterhalten werden, dass Reize sie stimulieren. Sie brauchen immer einen Fernseher und/oder ein Radio in ihrer Ferienwohnung oder sogar auf dem Campingplatz. Sie erwarten vom Ferienveranstalter ein Programm, bei dem sie Zerstreuung finden und so müssen sich die Ferienorte überlegen, wie sie ihren kleinen und großen Gästen ein abwechslungsreiches Programm bieten können. Der Urlauber darf nur nicht zur Ruhe kommen und natürlich spielt das Geld  hier auch eine große Rolle, denn die kleinen Ferienorte leben ja von den Feriengästen. Leider!

Viele Menschen brauchen regelrecht diese Reizüberflutung und wenn dann im Urlaub die Reizüberflutung ein klein wenig abweicht von der Reizüberflutung die sie täglich zu Hause erleben, dann glauben sie schon sie würden sich erholen.  Da werden Kurse belegt, da werden Ausflüge gebucht, bei denen sie nicht alleine etwas erkunden, sondern in der Gruppe, man muss immer beschäftigt sein und das am liebsten im Pulk – nur niemals langweilen. Natürlich gönnt man sich auch mal ein paar Stunden am Strand(vielleicht sogar alleine), aber auch hier will man sich beschallen lassen (viele bringen ihr Radio mit) und vieles mehr. Man sieht sehr selten Leute, die sich absondern, die alleine auf Entdeckungsreise gehen, die weit laufen, um einfach mal mit sich und der Natur allein sein zu können.

Es gibt Menschen, die ertragen das Leben in der Stadt besser als in der Natur, ja sie fühlen sich sogar von den Naturgeräuschen belästigt. So degeneriert sind viele schon, dass sie das Natürliche was eigentlich die Norm sein sollte, als störend und unnormal empfinden. Die Natur ist ihnen lästig und deshalb muss man die Natur mit Geräuschen aus der  „Dose“ übertönen, denn nur dann fühlt man sich wohl.

Ich bin nun auf eine Halbinsel gezogen, nicht nur deshalb weil ich das Meer so liebe, sondern auch soweit raus, weil ich der Reizüberflutung entfliehen will. Als hochsensibler Mensch hat man das Bedürfnis nach Ruhe, nach so wenig Reizüberflutung wie irgend möglich. Die Naturgeräusche wiegen mich in einen tiefen Schlaf – ich habe schon lange nicht mehr so ruhig und tief geschlafen, wie ich es hier tue. Aber ich lebe in einem Ferienort und ich wundere mich täglich über die Feriengäste, die mit aller Gewalt Beschäftigung und Stimuli jeglicher Art suchen, die sich nicht mal ruhig an den Strand setzen können, um einfach nur eine Stunde oder mehr aufs Meer zu blicken.  Wenn man alleine unterwegs ist und sich still hinsetzt, um die Natur zu fühlen, wird man von den Passanten komisch angeguckt.  Aber vielleicht können die Leute, sich einfach nicht vorstellen, dass es auch ohne Unterhaltung geht. Als ich mich bei der Gemeinde angemeldet habe, habe ich ein Schreiben abgegeben, dass ich nicht wünsche, dass man meine Adressdaten weitergibt, auch nicht an die Rundfunkgebührenanstalt. Ich habe erklärt, dass ich keinen Fernseher und auch kein Radio nutze, geschweige denn besitze,  weil ich mit der Reizüberflutung nicht zurecht komme. Man hat mich angeschaut, als käme ich von einem anderen Stern. Ich erklärte, dass ich nicht umsonst so weit abgelegen wohnen möchte und dass durch die Medien meine Kreativität zerstört würde, denn schließlich schreibe ich und benötige dafür  meine Ruhe. Meine ganze Entwicklung hin zum Schreiben und meine Kreativität im allgemeinen (wenn ich Zeit hätte, würde ich malen, zeichnen, basteln usw) und die „Rückkehr“ zur Natur, habe ich meinem konsequenten Verzicht auf den Mainstream zu verdanken.  Ich arbeite sogar daran, mich irgendwann richtig in die Abgeschiedenheit zu begeben und mich selbst zu versorgen. Diese Halbinsel ist der erste Schritt in eine autarke Zukunft.  Ein Einheimischer hat mir vor einigen Tagen gesagt, dass es im Herbst und Winter hier sehr still, einsam und nichts los sein wird und ich habe ihm erwidert, dass ich genau das möchte und dass mir im Augenblick sogar noch zu viel los ist.

„Hier ist ja gar nichts los!“ hört man immer wieder Kinder und besonders Jugendliche quengeln. Ich finde das wirklich schlimm. Es wäre wirklich gut, wenn Erwachsene den Kindern vorleben würden, dass Langeweile keinen umbringt und dass es gut tut, einmal ohne TV und Radio zu sein (natürlich auch ohne Computer, wenn er als Unterhaltungsobjekt genutzt wird) Aber, wenn Mütter ihre Kinder schon vor dem Ferseher füttern, weil es ihnen zu langweilig ist, ihre Kinder anzuschauen, oder einfach nur mal in die Luft zu gucken,  was will man dann von zukünftigen Generationen erwarten? Diese ganzen hyperaktiven oder im Gegensatz dazu, das andere Extrem, phlegmatischen Kindern, sind alles Ergebnisse einer reizüberströmten Gesellschaft. Kein Wunder also, dass in unsere Welt keine Ruhe eintritt. Kleine Kinder wehren sich oft gegen diese Reizüberflutung, aber da man ihnen regelrecht den Mund stopft (Schnuller), wenn sie sich beschweren, resignieren sie irgendwann und stumpfen ab. Das Phänomen der Empathielosigkeit in dieser Gesellschaft haben wir der Reizüberflutung und mit der dadurch unweigerlich einhergehenden Abgestumpftheit zu tun.  Übrigens gab es noch nie in der Geschichte unserer Gesellschaft so viele Kinder mit einem Schnuller, wie es heute der Fall ist. Das Bild der schnullernden Kinder, ist schon so „normal“ geworden, dass es keiner hinterfragt. So ist es mit allem, was uns schadet. Wir hinterfragen es nicht mehr, weil es ja alle machen.  Aber welche verheerende Auswirkung diese „Schnullerkinder“ für die zukünftige Gesellschaft haben, kann sich keiner vorstellen. Man findet es ja sogar noch süß und was kann da schon passieren, wenn etwas süß ist?  Ich hatte darüber schon einmal einen Artikel geschrieben und da alles immer miteinander zusammenhängt, schreibe ich es hier noch einmal: Dem Kind einen Schnuller zu geben, ist der Beginn von einer nächsten “ Suchtgeneration“ und so kommen wir nie aus dem „Suchtsumpf“ heraus! Der Schnuller ist Ersatz für die Liebe, die kaum mehr eine Mutter ihrem Kind geben kann, weil kaum mehr ein Mensch weiß, was Liebe ist.   Mütter die ihre Kinder lieben würden, würden sie nicht der Reizüberflutung aussetzen und sie würden auf das Kind hören, wenn es ihm zu viel wird und es aus der Reizüberflutung entfernen, anstatt ihm den Mund zu stopfen.

*Jutta Velten

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