Der tägliche Kampf als hochsensibler Mensch

Hochsensibilität wird von den meisten Menschen, die nicht selbst so sind, nicht verstanden. Es ist etwas abtraktes für sie, das sie nicht begreifen können. Immer wieder habe ich damit zu kämpfen meiner Umwelt zu erklären, dass man an den Dingen, die für die meisten völlig „normal“ sind scheitert. Es ist auch ziemlich mühsam, den „normalen“ Mitmenschen immer und immer wieder zu erklären, dass man eben nicht mal in die Stadt gehen kann, um etwas zu besorgen, sondern dass das immer mit einem riesen Gefühlsaufwand verbunden ist.

Man sagt anderen „Ich bin hochsensibel“ und die Antwort ist meist „Aha, ok“ und das wars. Dann wird man aber weiter wie die „Normalos“ behandelt, wenn man dann aber seine Grenzen deutlich macht, fällt der Gegenüber aus allen Wolken, so als hätte man nie etwas davon erwähnt. Auch sind die meisten nicht empathisch genug, um sich auch nur annährend in hochsensible Menschen hineinversetzen zu können, sondern sie überlatschen ständig deren Grenzen.

In dieser WG wo ich am letzten Wochenende einziehen wollte, war zwar bekannt, dass ich hochsensibel bin, aber da dieser Mensch überhaupt nichts damit anfangen konnte und er jemanden gebraucht hat, den er mal so richtig fertig machen kann, war ich sein Opfer. Er hat meine Hochsensibilität nicht geachtet im Gegenteil er hat das Wissen darüber und mein Vertrauen zu ihm aufs Übelste missbraucht. Jetzt im Frauenhaus erlebe ich viele traumatisierte Frauen, die nicht unbedingt hochsensibel sind, aber deren Vertrauen und die Liebe zu einem Menschen missbraucht wurde und sie alle Gewaltopfer sind. Das belastet mich als hochsensibler und äußerst empathischer Mensch nun noch zusätzlich. Dem Frauenhaus Thema widme ich mich noch in einem anderen Artikel.

Da ich mir ja nun eine neue Bleibe suchen muss, habe ich nun wieder über das Internetportal 50 plus WG gesucht und dabei ein Gutshaus gefunden, das eine Zweiraumwohnung anbot. Da war ich dann gestern und das Erste als ich reinkam, war der Gestank nach Zigarettenrauch. Der Vermieter meinte, es würden alle im Haus rauchen inklusive er selbst und sie würden keine Rücksicht auf Nichtraucher nehmen. Ich redete dann trotzdem mit ihm und währenddessen qualmte er mindestens 5 Zigaretten. Mir wurde schwindelig, meine Lymphknoten am Hals schwollen an und meine Stirnhöhlen gingen zu. Ich fühlte mich nach 10 Minuten so krank wie schon lange nicht mehr. Die Wohnung wäre gut gewesen, wenn da nicht das Rauchproblem gewesen wäre. Heute ein Tag danach, habe ich immer noch mit dem Abbau des Nikotins in meinem Körper durch das Passivrauchen zu kämpfen, ich wurde richtig krank. Auch das wird nicht verstanden. Meiner Ansicht nach ist der Zwang passiv rauchen zu müssen eine Körperverletzung und gehört normalerweise angezeigt. Aber mach das mal. Gehe mal zur Polizei und sage, du möchtest Anzeige wegen des Einatmens von Zigarettenrauch erstatten. Die lachen dich aus. Einfach deshalb, weil das in unserer Gesellschaft nicht als schädigend für andere angesehen wird und man doch glatt sagt, dass Raucher auch ein Recht haben rauchen zu dürfen. Das ist genauso als würde man sagen, dass Menschen die andere körperlich misshandeln, ja auch das Recht dazu hätten.

So ist das eben mit uns Hochsensiblen! Uns werden ständig mehr oder weniger Körperverletzungen zugeführt, gegen die wir nichts, aber auch gar nichts tun können. So ähnlich geht es kleinen Kindern, die noch diese Sensibilität haben und man aber über sie hinweglatscht und noch frech meint, sie müssten für das Leben abgehärtet werden. Wie krank ist denn eine Gesellschaft, die völlig normale körperliche und seelische Überlebensmaßnahmen von hochsensiblen Menschen ignoriert und noch meint, dass das nicht „normal“ sei? Was ist denn nicht „normal“ daran? Der Körper reagiert völlig normal gegen Gifte. Es ist eher unnormal, wenn ein Körper nicht auf Gifte reagiert. Gift ist je nachdem in welcher Dosierung tödlich und auch wenn es nicht gleich tödlich ist, schädlich für den Körper.

Hochsensible Menschen, sind eben noch fähig, diese Gifte zu spüren, ihre Körper haben sich nicht an Gifte gewöhnt und wehren sich dagegen. Nur die Umwelt schert sich einen Dreck darum. Aber es geht ja nicht nur um physische Gifte, sondern auch um psychische Vergiftungen und auch hier stößt man auf Unverständnis. Nicht nur solche „normalen“ Dinge wie einkaufen sind für hochsensible Menschen schwierig, denn hier werden alle Sinne regelmäßig mehr oder weniger verletzt, sondern auch die Psyche die ja im Körper des Menschen steckt. Kein Mensch kann Neugeborenen so gut nachempfinden wie hochsensible Menschen. Wenn ich Mütter mit ihren Neugeborenen sehe, die sie mit in den Supermarkt schleppen, dann könnte ich schreien, so wie diese kleinen Würmchen. Aber wenn sie ihren Mund aufmachen, um ihre Verletzungen kund zu tun, stopft man ihnen den Mund. Irgendwann resignieren sie und ergeben sich ihrem Schicksal und kaum eine Mutter ist in der Lage sich in ihr Kind hineinzuversetzen. Das Neugeborene gehört in den ersten 6 Wochen nicht aus dem Haus und schon gar nicht zum Einkaufen. Danach kann es am Körper der Mutter mit dieser in der Natur spazieren getragen werden, aber nicht zum Einkaufen! Sollte die Mutter einkaufen müssen, dann ist das die Aufgabe des Vaters. Das nur mal so nebenbei.

Es ist also als hochsensibler Mensch nicht leicht in dieser Industriegesellschaft zu leben. Die Masse kann das, weil sie alles Unnatürliche verdrängen, es mit Süchten deckeln und das wiederum macht sie unempathisch. Der hochsensible Mensch müsste eigentlich in einem Dorf mit Naturvölkern leben, um sich wohlzufühlen. Da man das aber nicht darf, weil diese Völker geschützt sind (was auch gut so ist) muss man sich selbst eine „Insel“ suchen, wo man nur selten mit unnatürlichen Dingen konfrontiert wird. Leider sitzen aber auch schon auf diesen „Inseln“ Menschen, die ebenso degeneriert sind wie die Stadtmenschen. Man muss sich nur die Landwirte anschauen. Bauern gibt es viel zu wenige. (Als Landwirte bezeichne ich jene Menschen, die Monokultur betreiben und die nur für die Wirtschaft arbeiten. Bauern bezeichne ich jene Menschen, die ihr Land bebauen, denen es in erster Linie um die Mutter Erde geht und nicht um die Wirtschaftlichkeit ihres Betriebes )

Hochsensibilität kann man sich eigentlich nur dann leisten, wenn man reich ist, oder genügend Startkapital besitzt, um sich ein Stück Land abseits und in der Einsamkeit kaufen zu können. Leider sind die meisten Hochsensiblen, nicht mit dem nötigen Kapital gesegnet, so dass sie irgendwie versuchen müssen, in einer Gesellschaft zu leben, die ihnen null Verständnis entgegen bringen kann.

Ich hoffe trotzdem, dass ich bald etwas finde, wo ich mich zurückziehen kann.

©Jutta Velten

Caspar David Friedrich „Mondaufgang am Meer“