Unsere Schatten und die der Anderen

Die Schatten* anderer Kulturen zu heilen, ist nicht unsere Aufgabe. Jede Kultur muss ihre Schatten selbst heilen, das kann niemals durch fremde Kulturen geschehen. Es ist die Aufgabe jeder einzelnen Kultur, sich ihrer Schatten bewusst zu werden und diese zu transformieren. Wie kommen wir eigentlich dazu uns in andere Kulturen, die wir nicht annährend verstehen, einzumischen? Was fällt uns eigentlich ein, andere belehren zu wollen, obwohl wir in unserer Kultur genügend Dinge haben, die in den „Schatten gefallen“ sind, die wir uns bewusst machen müssten und die dringend transformiert werden sollten? Wir glauben andere Kulturen retten zu müssen und schaffen es nicht mal unsere eigene zu retten! Wir sind permanent dabei uns einzumischen und wundern uns der Gegenwehr. Was wissen wir zum Beispiel schon über die Beschneidung von Jungs und Mädchen und dem Druck dem die Kinder ausgesetzt sind, wenn sie von uns „gerettet“ wurden. Mir gefällt es auch nicht, was andere Kulturen mit ihren Kindern machen und ich finde die Beschneidung äußerst abstoßend, aber solche tief eingegrabenen Glaubensmuster müssen in den Ländern geheilt werden, in denen diese Rituale schon seit tausenden von Jahren stattfinden, denn nur diese Menschen sind es, die daran beteiligt sind und die sich des Schattens ihres Glaubens bewusst werden müssen.

Wir sollten uns lieber selbst fragen, welchen Schatten wir uns bewusst werden müssen und wie wir diese heilen können. In unserer christlichen Kultur sind Beschneidungen nicht vorgesehen, aber wir berauben unsere Kinder ihren Urinstinkten, wir sind damit einverstanden, wenn man ihnen Körperverletzungen mittels Impfungen zufügt, weil wir glauben was uns die Pharmaindustrie durch die Ärzte vermittelt, wir zwingen unsere Kinder in Fremdbetreuungen und in Schulen, die keine Individualität zulassen, wir hindern sie daran ihre Kreativität auszuleben und sich so zu entwickeln, wie es ihrem individuellen Tempo entspricht und…und…und.. Wie würden wir es denn finden, wenn andere Kulturen kommen würden und würden uns erklären, dass wir zum Beispiel jetzt endlich unseren Kindern die Urinstinkte erfüllen müssen und keine Kinderwägen, Bettchen und Fläschchen mehr kaufen sollen, da das unseren Kindern ihr ganzes Leben lang schaden wird? Manche mögen jetzt sagen, dass man das nicht vergleichen kann, aber kann man überhaupt Schmerzen, seien sie psychisch oder physischer Natur vergleichen? Welches Verbrechen wiegt mehr, das am Körper oder das an der Seele, oder wiegen beide gleich viel? Wer hier meint vergleichen zu müssen, sollte einmal Menschen fragen die man seelisch misshandelt hat und wie sehr diese Menschen ein Leben lang darunter leiden. Natürlich fügt man durch körperliche Verletzungen auch seelische Schmerzen zu, aber umgekehrt ebenso. Viele psychischen Misshandlungen haben körperliche Auswirkungen, wie zum Beispiel jegliche Art von Sucht und deren körperliche Folgen.

Oder was fällt uns ein über Frauen die sich verschleiern oder einen Schleier tragen, weil dies ihr Glaube verlangt zu urteilen und es gar zu verbieten, während Frauen in unserer Kultur ebenfalls wegen ihres Glaubens Schleier tragen? In anderen Kulturen tragen sie Hüte bei Pferderennen, wie es die Adeligen in England tun, aber darüber regt sich keiner auf. Warum sollen bei uns keine Moscheen und Synagogen gebaut werden, wo es doch auch christliche Kirchen in muslimischen und jüdischen Ländern gibt? Wenn verschiedene Kulturen und Glaubensrichtungen aufeinandertreffen, dann sollten diese sich gegenseitig respektieren, ohne sie verändern und missionieren zu wollen. Haben wir Europäer uns nicht schon genug in andere Kulturen und Glaubensrichtungen eingemischt und sie meist mit Gewalt zu verändern und zu missionieren versucht? Was gibt uns das Recht dies zu tun? Wann hört dieser Wahnsinn auf und wir fangen endlich an, andere Menschen mit ihren verschiedenen Kulturen und Religionen zu respektieren, so wie wir das auch für uns selbst wünschen?

Ich gehöre keiner Religion an und trotzdem respektiere ich Menschen, die an etwas glauben wollen. Ich kann es nicht verstehen und versuche ihnen auch meine Sicht auf die Dinge zu erklären und ihnen vielleicht auch nahe zu legen ihren Glauben zu hinterfragen, aber ich würde nie mit Gewalt und Aggression ihnen ihren Glauben ausreden wollen. Frauen die ich mit Schleier sehe, respektiere ich, obwohl ich es nicht verstehen kann, egal ob sie sich wegen ihres muslimischen oder christlichen Glaubens verschleiern? Ich fühle mit den Kindern die beschnitten werden mit, aber ich weiß, dass es nicht meine Aufgabe ist, diese Kulturen dafür zu verurteilen, sondern schaue was wir in unserer Kultur mit unseren Kindern anstellen und versuche hier aktiv zu werden.

Es ist die Ablenkung von den eigenen Schatten, die wir partout nicht sehen wollen und die uns ständig in fremden Misthaufen rumstochern lässt. Schauen wir doch einfach mal auf unseren Misthaufen, auf dem wir stehen und finden heraus was hier zu Himmel stinkt. Lassen wir uns doch nicht von den Medien aufstacheln, andere Kulturen zu bekämpfen, sondern kehren vor der eigenen Türe! Erst, wenn wir ohne Fehler und Schatten sind bzw. unsere Schatten erkennen und sie integrieren, könnten wir versuchen, unsere Perfektion auf andere zu übertragen. Da wir das aber nie sein werden, sollten wir andere Menschen mit ihren Kulturen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten!

*Schatten sind individuell und kollektiv und zwar sind es die verdrängten Anteile, die wir nach außen projizieren. Der Schatten ist Bestandteil von uns, der uns immer begleitet, so wie es der sichtbare Schatten tut, den wir sehen, wenn wir im Sonnenlicht stehen. Der Ausdruck des „Schattens“ wurde von dem Psychoanalytiker C.G. Jung geprägt. Zum Beispiel entsteht dann ein kollektiver Schatten, wenn wir einen Pol verdrängen, wie es durch unsere christliche Religion/Kultur geschieht. Es wird zwar Liebe gepredigt, aber der Hass und die Angst werden durch den Schatten sichtbar bzw. durch die Projektionen des Schattens. Wenn wir in einer Polarität, indem immer zwei gegensätzliche Pole eine Ganzheit ergeben, einen Teil verdrängen, fällt er in den Schatten und seine Projektion ist größer, als sie es in Wirklichkeit ist. Die Christen sind alles andere als liebende Menschen, die sich an die Gebote halten, da die Gebote nur immer eine Seite zeigt. Ín einer Ganzheit gehören gut und böse in beiden Teilen zusammen und dürfen nicht getrennt voneinander gesehen werden! In jedem Menschen gibt es einen guten, wie einen bösen Anteil. Nur wenn beide im Gleichgewicht sind, kann keiner der beiden in den Schatten fallen, da er nicht verdrängt wird.

©Jutta Velten

Kelly Brogan MD