Der Schlüsselbaum

Diese Geschichte habe ich vor vier Jahren geschrieben und ich möchte damit heute einfach nur mal Danke sagen. Danke den vielen Lesern meines Blogs und ebenso danken möchte ich meinen Freunden, die mich unterstützen und an mich glauben! Schönes Wochenende für euch.✿

Irgendwo in einem fernen Land steht der Schlüsselbaum. An diesem Baum, wachsen die Schlüssel aller verschlossenen Seelentüren der Menschen und nur er kennt die Geheimnisse hinter jeder dieser Türen. Auch für deine Lebenstür gibt es einen Schlüssel an diesem Baum. Jeder Schlüssel besitzt sein individuelles Aussehen und Merkmal, so wie auch jede Tür, keiner der anderen gleicht. Eines Tages nun hörte ein Mädchen die Geschichte von dem Baum in dem fernen Land. Das Mädchen war traurig, denn es hatte seine Mutter verloren, die durch einen Unfall ums Leben gekommen war. Ihre Großmutter, bei dem das Mädchen nun lebte, weil sie ihren Vater nicht kannte, erzählte ihr von diesem Schlüsselbaum. „Weißt du meine Kleine“, fing sie an, „jeder Mensch besitzt eine Tür zu seiner Seele, in der sich die Geschichte seines Lebens befindet. Bei den meisten Menschen heute ist die Tür zu ihrer Seele verschlossen und sie kennen den Weg zum Schlüsselbaum nicht mehr. Denn an diesem Baum hängen alle Schlüssel für alle Seelentüren der Menschen.“ Das Mädchen schaute seine Großmutter mit großen Augen an und fragte: “ Aber wie kann man denn bei so vielen Schlüsseln, den finden, der für das eigene Seelentor bestimmt ist?“ „Es gibt ein Geheimnis wie man ihn findet, aber das erfährt man erst auf dem langen Weg in das ferne Land, in dem der Schlüsselbaum steht.“ Eines Tages machte sich das Mädchen, das nun schon etwas älter war, auf den Weg um den Schlüssel ihres Seelentors zu finden. Sie wanderte durch Wüsten, über Berge, durch dunkle Wälder und schneebedeckte Felder. Überall fragte sie die Menschen denen sie begegnete, wo denn der Schlüsselbaum zu finden sei. Aber keiner hatte je von diesem Baum gehört. Die Menschen waren sehr freundlich zu dem Mädchen, sie teilten ihre Nahrung mit ihr und auch einen Platz zum Schlafen war immer bereit. Manche sagten ihr, dass es wohl eine erfundene Geschichte ihrer Großmutter sei, eben nur ein Märchen. Aber das Mädchen wusste, dass jedes Märchen auch etwas Wahres enthält.. Sie ließ sich nicht beirren und lief weiter durch die Welt. Eines Tages kam sie in eine Bergregion mit so hohen Bergen, dass sie dachte, nun müsse sie umkehren, denn diese könnte sie nicht erklimmen. Am Fuße des Berges stand eine Hütte und als sie näher kam, schaute eine alte Frau heraus und nickte ihr freundlich zu und winkte sie zu sich. Das Mädchen zögerte, denn ihr kamen all die Märchen über die bösen Hexen in den Sinn. Dann gab sie sich aber einen Ruck und traute sich doch näher heran. „Guten Abend meine Kleine,“ sagte die Alte und es waren die gleichen Worte, die ihre Großmutter immer verwendet hatte. Die Sonne stand schon tief und so lud die Alte sie ein, ihr ins Haus zu folgen. Hier brannte ein Feuer in einem altertümlichen Herd auf dem lustig ein Kessel pfiff. „Setz dich“, sagte die Frau und deutete auf eine Holzbank in der Ecke. Vor der Bank stand ein großer schwerer Holztisch, auf dem viele Kerzen brannten. Alles sah sehr gemütlich aus und man fühlte sich gleich geborgen. Die Alte nahm den Kessel vom Herd und goss das heiße Wasser in eine Teekanne. Dieser Tee duftete so gut, dass das Mädchen meinte, noch nie zuvor habe es so einen wundervollen Duft wahrgenommen. „Der Tee ist bald fertig“, sagte die Alte und stellte einen Topf auf die Stelle, an der der Kessel vorher stand. „Jetzt koche ich dir erst mal eine gute Suppe. Du bist doch sicherlich müde von der langen Reise?“ „Ja, sehr“, sagte das Mädchen, „aber woher weißt du, dass ich eine lange Reise hatte?“ „Ich weiß es eben“, lächelte die Frau und begann in dem Topf zu rühren. „Ich weiß, warum du hier bist und ich kann dir helfen. Aber zuerst wollen wir essen.“ Das Mädchen sah zu wie die Alte in ihrem Topf rührte und der Duft des Tees und der Suppe hüllte sie ein und sie fühlte sich unendlich geborgen. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, während sie dem Lied der Frau lauschte, das sie während des Kochens sang, obwohl sich ihre Lippen nicht zu bewegen schienen. „Alles ist bereit kleine Maid, Du bist schon nah am Ziel, es ist wie ein Spiel. Aber zuerst musst du ruhn‘, damit das Spiel du kannst tun. Ein Rätsel musst du lösen, um vorbeizukommen an dem Bösen. Das Rätsel ist nicht leicht, aber der Berg erst weicht, wenn ohne Furcht du bist und alles du vergisst. Es gibt nur diesen Weg, kein anderer Pfad und auch kein Steg, auch kann dich niemand geleiten in die unendlichen Weiten. Hinter dem Berg liegt das Land der Ferne dort leuchten immer nur die Sterne. Alles ist magisch in diesem Land, indem dir schon alles ist bekannt. Nun fragst du dich: „Wie kann das sein?“ weil alles ist für dich nur Schein. Aber ich sage dir, du standest schon einmal hier. Nun gut, jetzt schlägt die Stunde, stärke dich und schlafe eine Runde. Wenn du erwachst aus tiefem Schlaf, wirst du stehen vor dem bösen Graf.“ Das Mädchen verstand nicht den Sinn dieses Liedes und sie konnte auch kaum noch denken, denn sie war unendlich müde. Die alte Frau stellte ihr einen Teller mit warmer Suppe vor die Nase und einen Becher Tee. Das Mädchen konnte kaum die Augen offen halten, aber sie aß von der Suppe und trank von dem Tee, der sie in seinen Duft hüllte. Als sie fertig war, führte die Frau sie zu einem Bett in einer Ecke des Raumes und das Mädchen ließ sich in die weiche Matratze sinken. Es kam ihr vor, als würde sie auf Wolken liegen und im selben Moment war sie auch schon eingeschlafen.

Als sie nach einem tiefen Schlaf die Augen öffnete, stand sie vor einem Felsentor und bevor sie noch überlegen konnte, was sie tun sollte, wurde dieses so heftig aufgerissen, dass sie erschrak . Ihr gegenüber stand ein Mann. Er war nicht sehr groß, vielleicht so wie sie selbst. Er trug einen Zylinder auf dem Kopf und einen Umhang über den Schultern. Sein Gesicht verbarg sich hinter einem langen weißen Bart. Eigentlich sah er ganz nett aus, aber seine Augen waren ohne Leben. Er schnauzte sie an. “ Du bist spät! Glaubst du denn, ich habe ewig Zeit auf dich zu warten? Komm schon rein und halte hier nicht Maulaffenfeil! Na, wird’s bald!“ Das Mädchen das nur staunend da stand, weil es nicht verstand, dass es anscheinend erwartet wurde, beeilte sich an dem Mann vorbei zu huschen. Der schlug das Felsentor hinter sich zu und ging voraus in eine große steinerne Halle. Das Mädchen blieb erst einmal wie angewurzelt stehen und bemerkte, dass der Mann je weiter er sich von ihr entfernte, immer größer zu werden schien. Am Ende der Halle angekommen, setzte er sich auf einen hölzernen Thron und rief ihr zu: „Jetzt stehst du ja schon wieder da herum und bewegst dich nicht! Mach, dass du herkommst! Ich habe dir etwas zu sagen!“ Das Mädchen beeilte sich und durchquerte die Halle und immerzu dachte sie jetzt an das Lied, das die Alte gesungen hatte, bevor sie eingeschlafen war. Ja, es war darin die Rede von einem Bösen gewesen und einem Rätsel, das sie lösen musste, um an dem Bösen vorbeizukommen. Es schien ihr, dass dieser Mann, der größer zu werden schien, wenn er sich entfernte, genau dieser Böse war. Jedenfalls klang seine Stimme nicht gerade freundlich und die Augen waren so ausdruckslos. Jetzt stand sie vor ihm und er war wieder so groß wie sie selbst. Auch der hölzerne Thron, der von weitem riesig aussah wirkte jetzt wie ein Kinderstuhl – es war fast zum Lachen, aber das traute sie sich nicht. „Du willst in das Land der Ferne?“ bellte er plötzlich los, nachdem sie ihn lange genug gemustert hatte. „Ja“, piepste sie, denn sie brachte kaum ein Wort heraus, weil sie so aufgeregt war. „Gut“, erwiderte er. „In das Land der Ferne, kannst du nur gelangen, wenn du ein Rätsel löst, das ich dir stellen werde. Löst du es nicht, musst du umkehren und kannst nicht zum Schlüsselbaum gelangen. Bist du bereit?“ „Ja, ich glaube schon“, antwortete sie jetzt schon etwas mutiger.

„Das Rätsel lautet:

In dem Land der Ferne, leuchten nur die Sterne. Bekannt ist dir dieses Land, in das führt ein unsichtbares Band. Oft warst du schon dort an diesem magischen Ort. Sage mir nun, warum ist dir bekannt dieser Ort, dieses Land und was hat es auf sich mit dem unsichtbaren Band?“

„Nun folge mir“, sagte der Mann, stand auf und ging durch eine Tür in den Raum dahinter. Das Mädchen folgte ihm. Als es durch die Tür ging hatte sie alles, was in der Vergangenheit war vergessen. Er zeigte ihr ein Lager aus Stroh und sagte, sie solle sich dort hinsetzen und das Rätsel lösen. Da sie aber vergessen hatte, was sie denn für ein Rätsel lösen sollte, sagte sie: „Was denn für ein Rätsel und wo bin ich hier und wer bist du?“ Der Mann antwortete ungehalten: „Alles zu viele Fragen! Du sollst das Rätsel lösen und sonst nichts! Finde die Lösung des Rätsels. Du kannst aber auch wieder gehen, wenn du nicht willst!“ Das Mädchen fühlte, dass sie bleiben sollte und dachte, dass ihr das Rätsel vielleicht wieder einfallen würde und sagte:“Ich bleibe!“ „Also dann, ich bin gespannt ob du das Rätsel lösen wirst.“ Er drehte sich um, ging hinaus und schloss die Tür. Da saß sie nun auf dem Strohlager und überlegte krampfhaft, was es denn für ein Rätsel war, das er ihr gestellt hatte. Außerdem versuchte sie sich zu erinnern, wer dieser Mann war und wie sie hierhergekommen war und wer sie selbst war? Vom vielen nachdenken und grübeln wurde sie müde. Sie streckte sich auf dem Stroh aus und schlief ein. Sie träumte. Im Traum sah sie ihre Mutter und Großmutter, ja sogar ihren Vater traf sie, dann sah sie plötzlich sich selbst in einem anderen Land zu einer anderen Zeit und mit anderen Eltern, hier hatte sie auch einen Bruder; und dann war da wieder ein anderes Land, eine neue Familie, und so ging es immer weiter. Ihr wurde im Schlaf ganz schwindelig. Es war,als würde sie auf einem Karussell sitzen. Alle die Länder und Personen, waren ihr bekannt. Manche sah sie ganz deutlich, andere eher verschwommen, aber sie kannte sie alle. Auch die Länder und die Orte an denen sie vorbei flog, waren ihr bekannt. Dann befand sie sich plötzlich in einer Gegend in der es dunkel war, nur die Sterne leuchteten. Sie fühlte sich geborgen und sicher. Sie hatte das Gefühl, als wäre sie an etwas gebunden, das sie in eine bestimmte Richtung lenkte. Sie gab dem Drang nach und folgte dem unsichtbaren Band, welches sie zog. Nach einer Weile des Wanderns durch die Sternennacht, stand sie plötzlich vor einem uralten riesigen Baum dessen Äste über und über mit Schlüsseln behangen waren und er schwer daran trug, denn viele Äste reichten fast bis auf den Boden. In dem Baumstamm, sah sie eine offene Tür über der eine Laterne hing. Der Raum hinter der Tür war hell erleuchtet. Sie ging neugierig näher und lugte schüchtern hinein. Dort sah sie einen gemütlichen Raum, indem es noch mehr Schlüssel gab. Zwei kleine Gestalten hockten in bequemen Sesseln und schienen zu lesen. Sie räusperte sich, um auf sich aufmerksam zu machen und so sahen ihr vier Paar freundliche Augen entgegen. Es waren ein Männlein und ein Weiblein, die beide nicht größer waren, als die Wichtel aus den Weihnachtsmärchen ihrer Großmutter. Das Männlein hatte eine runde Brille auf der Nase, einen grauen langen Bart. Er trug eine Wolljacke, eine dunkelgrüne Hose und winzige Schühchen. Das Weiblein hatte weiße Haare, die in dicken langen Zöpfen ihr freundliches Gesicht einrahmten. Sie trug ein blaues Kleid mit einer weißen Schürze und kleine Holzpantoffel. „Hallo“ sagten das Männlein und das Weiblein, wie aus einem Mund. „Endlich bist du da, wir haben schon lange auf dich gewartet!“ sagte das kleine Weiblein mit einer lieblichen Stimme. Das Mädchen fragte: „Ihr habt mich erwartet? “ „Ja, und endlich bist du hier, das ist wundervoll.“ antwortete das Männlein, dessen Stimme so tief war, dass sie gar nicht zu ihm passte. „Wo bin ich hier“, fragte sie weiter. „Das ist der Schlüsselbaum. Hier gibt es alle Schlüssel, zu den verschlossenen Türen der Seelen.“ erklärte das Weiblein „Da so viele Menschen ihre Schlüssel zu ihrem Seelentor nicht finden und sie sich nicht auf die Suche machen, ist unser Baum überfüllt und die Last wird immer schwerer.“ fuhr das Männlein fort. Wir freuen uns über jeden Menschen, der zu uns findet und unseren Baum von seiner Last befreit.“ „Und was macht ihr hier?“ fragte das Mädchen. „Wir sind die Hüter des Seelenbaumes und helfen den Menschen die zu uns kommen, den Schlüssel zu ihrem Seelentor zu finden“ erklärte das Weiblein.“ „Aber höre, du bist noch nicht wirklich bei uns, denn du musst erst das Rätsel lösen, das dir der böse Graf gestellt hat.“ „Aber ich weiß es doch nicht mehr.“ sagte das Mädchen traurig. „Wir sagen es dir“, sagten die beiden und schon legten sie los und wiederholten die Worte des Grafen. „Vielen Dank“, sagte das Mädchen, als sie mit ihrer Ausführung am Ende waren. „Das ist aber ganz schön schwer!“ sagte sie resigniert. „Aber nein, das ist es nicht, denn du weißt die Lösung schon. Als du begonnen hast zu träumen, hast du die Lösung gesehen.“ sagte die kleine Frau. „Ich habe Menschen in verschiedenen Ländern gesehen, die ich alle kannte und die alle meine Familie waren, aber zu verschiedenen Zeiten.“ „Ja, genau!“ rief das Wichtelmännlein begeistert. „Was glaubst du, hast du da gesehen?“ „Hm?“, „jede Familie in der ich lebte zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten kamen mir vor, als wäre es immer in einem anderen Leben. „Genau!“ riefen die beiden Wichtel begeistert. „Also lautet die Antwort: es sind meine vielen Leben, die im Land der Ferne aufgehoben sind und das unsichtbare Band ist die Verbindung zu diesem Schlüsselbaum an dem ich den Schlüssel zu meinem Seelentor finde?“ “ So ist es“, du bist richtig gescheit meine Kleine, sagte das Weiblein und zwinkerte ihr zu. „Hat meine Mutter hier auch ihren Schlüssel?“ „Deine Mutter, aus welchem Leben?“ fragte das Männlein. „Oh, natürlich“, erinnerte sich das Mädchen, „aus dem jetzigen Leben.“ „Deine Mutter ist wieder in ein neues Leben geboren worden und sie hat ihren Schlüssel bei sich. Denn nur Menschen, die den Weg zu ihrer Seele kennen und deren Seelentor nicht verschlossen ist, haben auch ihren Schlüssel.“ „Es tut gut zu hören, dass sie wieder am Leben ist.“ „So, nun musst du aus deinem Traum zurückkehren und das Rätsel lösen, damit du ins Land der Ferne reisen kannst. Bis bald!“

– Huch, sie schreckte hoch und sah sich um. Was hatte sie denn da geträumt? Sie musste sich zuerst sammeln und ihre wirren Gedanken ordnen. Ja, jetzt fiel es ihr wieder ein. Sie hatte das Rätsel gelöst. Sie sprang auf und klopfte an die Tür. Von draußen hörte sie die unfreundliche Stimme des Grafen: “ Die Tür ist nicht verschlossen!“ Das Mädchen öffnete die Tür und trat hindurch und sie wusste nun wieder alles was sie zuvor vergessen hatte. Sie ging zu dem Thron auf dem der kleine/große Graf saß und sie erwartungsvoll ansah. „Nun?“ fragte er, „hast du das Rätsel gelöst?“ „Ja“, erwiderte das Mädchen. „So, so, dann lass mal hören“, sagte der Graf in angespanntem Ton. „Das Land der Ferne ist mir deshalb bekannt, weil es meine ganzen früheren Leben sind und das unsichtbare Band zeigt mir den Weg zu dem Schlüsselbaum.“ sagte das Mädchen erfreut. „Potz Blitz!“, rief der Graf. „Wie kann das sein, dass du es so schnell gelöst hast?“ „Das ist mein Geheimnis“, antwortete das Mädchen. „Kann ich jetzt bitte das Land der Ferne betreten?“ Der Graf stand schweigend und sichtlich verärgert auf und ging zu einer anderen Tür, öffnete sie und ließ das Mädchen durch die Tür treten. Und da stand sie nun, am Eingang zu dem Land der Ferne und wirklich schienen nur die Sterne. Gleich darauf zog sie etwas in eine Richtung und da sie nun wusste was das war, ließ sie sich voller Vertrauen ziehen. Sie kam an Bildern vorbei auf denen sie sich erkannte und wusste, dass dies ihre vergangenen Leben waren. Dann entdeckte sie auch schon den Schlüsselbaum und als sie dort ankam, war die Tür im Baumstamm wieder offen und der Raum dahinter hell erleuchtet. Sie trat ein und wunderte sich, dass sie das konnte, denn erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Eingang auf Wichtelgröße angepasst war. Drinnen begrüßten sie das Wichtelweiblein und das Wichtelmännlein freudig. „Schön, dass du wieder bei uns bist. Jetzt bist du wirklich da, nicht in deinem Traum.“ sagten die beiden. „Ja, und ich habe auch gleich eine Frage, das mir im Traum nicht aufgefallen war.“ legte das Mädchen los. „Setze dich erst einmal zu uns und dann kannst du Fragen stellen soviel du willst und wir versuchen sie zu beantworten.“ sagte das Weiblein. „Warum ist es möglich, dass ich durch die kleine Tür kommen kann und auch jetzt bei euch sitzen kann, ich bin doch eigentlich viel größer, als ihr es seid?“ „Schon gleich die schwierigste Frage“, grinste das Männlein bevor es antwortete. „Es gibt vieles im Land der Ferne, das nicht so scheint wie es ist, oder das anders ist als es scheint. Soll heißen, dass deine Wahrnehmung dich täuscht. Wir sind in Wirklichkeit genauso groß wie Menschen, aber dann könnten wir nicht in diesem Baum leben. So groß wie der Baum auch ist, wir hätten trotzdem keinen Platz. Dieses Land ist voll von Magie und es passt alles den augenblicklichen Gegebenheiten an. Immer so, wie es gerade nötig ist. Die Bilder, die du auf dem Weg hierher gesehen hast und die deine früheren Leben zeigen, konntest nur du sehen. Jeder sieht nur immer seine eigenen Leben. So passt sich auch hier die Umgebung an den Menschen an, der sie gerade durchschreitet“ „Danke“ sagte das Mädchen, „und dann habe ich gleich noch eine Frage : „Befindet sich der Schlüssel meiner Großmutter auch hier?“ “ Nein“, antwortete die kleine Frau, „auch deine Großmutter besitzt ihren Schlüssel, deshalb konnte sie dir ja auch die Geschichte mit dem Schlüsselbaum erzählen. Das mit den Schlüsseln ist nämlich so: Du weißt jetzt dass jeder Mensch eine Seele hat und der Eingang zu dieser Seele mit einem Tor versperrt ist. Wenn du neu geboren bist, dann ist das Tor noch offen und der Schlüssel steckt, aber wenn das Baby jetzt Dinge erlebt, die es verletzen, die es nicht verarbeiten kann, dann schließt sich das Tor und der Schlüssel kehrt wie durch Zauberhand an den Schlüsselbaum zurück. Und im Laufe des Lebens vergisst fast jeder Mensch, dass er eine Seele hat, die verschlossen ist, denn das ist bei fast allen Menschen in der Gesellschaft in der du gerade lebst so. Sie schütten immer mehr ihr Seelentor zu, manchmal erinnern sie sich an ihre Seele und versuchen all den „Müll“ der sich vor der Seelentür angesammelt hat zu beseitigen, aber dann stehen sie vor der verschlossenen Tür und sie können sich nicht erinnern wo der Schlüssel sein könnte. Sie sind dann so enttäuscht, dass sie wieder den ganzen „Müll“ vor die Tür räumen und aufgeben. Nur wenige machen sich auf und suchen nach dem Weg, umiren Schlüssel zu finden. Manche haben so wie du, eine Großmutter, die ihnen von dem Schlüsselbaum erzählt.“ „Da bin ich aber froh, dass meine Großmutter mir davon erzählt hat!“ sagte das Mädchen. „Ich habe einmal gehört, dass alle Leben die ein Mensch durchlebt hat, in der Seele aufgehoben sind und als ich hierher kam, sah ich die Bilder aus meinen früheren leben. Bin ich jetzt also in meiner Seele?“ „Ja und nein“, antwortete wieder der kleine Mann. “ Wie ich dir schon sagte, scheint im Land der Ferne nicht alles so geregelt zu sein, wie du das gewohnt bist. Als du das Rätsel gelöst hast und durch das Tor in das Land der Ferne getreten bist, hast du die Bilder aus deiner Seele gesehen, aber du warst nicht dort, weil du ja noch nicht den Schlüssel hattest. Erst, wenn du den Schlüssel deines Seelentores am Schlüsselbaum findest und das Tor öffnest, kannst du deine Seele betreten. Und dann erkennst du auch den Sinn und deine Aufgabe in dem jetzigen Leben.“ „Wie kann ich den Schlüssel zu meiner Seelentür finden? Es sind so viele!“ „Du wirst ihn finden , denn wir helfen dir dabei, deshalb sind wir hier. Wir sind doch die Hüter des Schlüsselbaumes, hast du das schon vergessen?“ fragte die Frau „In Ordnung, was soll ich tun?“ wollte das Mädchen jetzt wissen und es schien plötzlich in Eile zu sein. „Erst einmal kochen wir dir einen Tee, der dich müde macht. Du wirst dann träumen und in diesem Traum wird ein Symbol auftauchen, das auf deinem Schlüssel wiederzufinden ist.“ sagte der Mann während die Frau aufgestanden war und sich am Herd zu schaffen machte. „Du hast alle Zeit der Welt, habe keine Angst, alles wird gut. “ tröstete der Mann nun das Mädchen, denn er hatte gesehen, dass sie ungeduldig von einem auf das andere Bein trat. Sie nickte nur und beobachtete, wie die Frau viele Kräuter und Blumen in eine Kanne gab und als das Wasser heiß war, sie damit übergoss. Plötzlich war der Raum erfüllt von einem wundervollen Duft, es war der selbe Duft den sie bei der alten Frau in der Hütte am Fuße der Berge gerochen hatte. Sie wurde allein schon von dem Duft so müde und sie fühlte sich so wunderbar geborgen. Die Frau reichte ihr einen Becher Tee und sie trank ihn langsam. Nach wenigen Minuten, legte sie sich einfach an den Platz wo sie saß und fiel in einen tiefen Schlaf. Sie träumte von einem Land in das sie gereist war, wo ganz wundervolle Menschen lebten. Diese waren sehr gastfreundlich, gaben ihr zu essen und unterhielten sich mit ihr. Sie zeigten ihr, wie sie ihre Körper bemalten und wie sie dann zusammen tanzten. Eine der älteren Frauen nahm sie bei der Hand und sie tanzte mit den Leuten immer einem Schrittmuster folgend. Später sah sie im Sand, wo sie getanzt hatten, dass sich ein Blumenmuster abgezeichnet hatte. Fasziniert von dem regelmäßigen Muster im Sand, erhob sie sich und ging das Muster nach. Die ältere Frau sah das und erzählte ihr, dass alles auf der Erde so ein Muster enthält und dass sogar die Erde selbst diese Blume in das Weltall zeichnet. Sie nannte dieses Muster „Blume des Lebens“.

Dann erwachte sie. Sie war erst etwas verwirrt, weil der Traum so kurz war und weil sie so plötzlich wach wurde. Ihr gegenüber saß die kleine Frau die sie beobachtete. „Das war aber ein kurzer Traum“, sagte das Mädchen, als sie sich wieder orientiert hatte. „Ja, die Wirkung des Tees hält nicht lange an, aber die Hauptsache ist, dass du dein Symbol gesehen hast, damit wir zusammen deinen Schlüssel finden!“ sagte die Frau. „Na?“ fragte der Mann, der durch eine Tür hereinkam, „wie sieht es aus dein Symbol?“ „Im Traum hat eine Frau das Symbol als „Blume des Lebens“ bezeichnet“ antwortete sie. „Oh, ein wirklich schönes Symbol und ich glaube auch ich habe es erst kürzlich auf einem kleinen, verschnörkelten Schlüssel entdeckt. Komm mal, ich werde ihn dir zeigen.“ sagte der Mann und nahm sie bei der Hand. Sie gingen gemeinsam vor die Tür und über ihnen ragte der große Schlüsselbaum in die Höhe. Er nahm eine Leiter die neben dem Eingang gelehnt hatte und ein Laterne, denn es war noch immer Nacht und nur die Sterne funkelten. Er führte sie zu einer Stelle, lehnte die Leiter an den Baumstamm und reichte dem Mädchen die Laterne. „So, meine Kleine, hinaufklettern und den Schlüssel abpflücken musst du selbst. Keiner sonst kann deinen Schlüssel pflücken.“ „Aber, wo finde ich ihn denn, bei den ganzen Schlüsseln?“ „Achte auf das Symbol und außerdem ist er ziemlich klein. Du wirst ihn sofort sehen, wenn du erst einmal oben bist.“ antwortete er. Sie kletterte die Leiter empor und sah vor sich in einer Astgabel einen Schlüssel ganz leicht golden leuchten. Sie streckte ihre Hand aus und der kleine, verschnörkelte, golden schimmernde Schlüssel, glitt wie von selbst in ihre Hand und sie fühlte wie es in ihrem Inneren „klick“ machte und wie sie plötzlich von einem unbeschreiblichen Gefühl des Glücks, der Freude und der Liebe durchströmt wurde. Langsam stieg sie wieder die Leiter herunter und sah die Beiden an. „Ohja, man sieht, dass du ihn gefunden hast, deine Augen leuchten jetzt wie Sterne!“ riefen die beiden. Und auch ihr, fiel erst jetzt auf, dass die Augen des Mannes und der Frau, ebenso wie Sterne leuchteten. „Warum leuchten die Augen wie Sterne, wenn wir unser Seelentor geöffnet haben?“ fragte das Mädchen, während sie zurück in den Baumstamm gingen. “ Man sagt die Augen sind das Tor zur Seele. Erst wenn das Seelentor offen ist, kann man durch sie das Licht in der Seele erblicken.“ erklärte die kleine Frau. „Ich fühle mich jetzt so glücklich und froh!“ lächelte das Mädchen „Jetzt kannst du wieder zurück zu deiner Großmutter reisen und deine Aufgaben, die du in diesem Leben hast erfüllen.“ „Vielen Dank“, sagte sie und umarmte sie alle beide. „Wie komme ich durch das Felsentor an dem bösen Grafen vorbei?“ wollte sie noch wissen. „Der Graf ist nicht mehr dort und das Tor öffnet sich wenn du davor stehst.“ sagte der kleine Mann. „Leb wohl und gute Reise!“ wünschten sie ihr. Das Mädchen drehte sich um und trat vor die Tür des Baumstammes, blickte noch einmal nach oben und hatte wieder das Gefühl es würde sie ein unsichtbares Band ziehen. „Lebt auch ihr wohl!“ rief sie noch und schon war sie unterwegs. In der Hand hielt sie ihren Schlüssel, dessen Ende einen Griff hatte der aussah wie die Blume des Lebens aus dem Traum, aber das goldene Licht hatte aufgehört zu glimmen. Sie wusste, dieses Licht war jetzt in ihr. Sie kam zu dem Felsentor und wanderte hinunter zu der Hütte der alten Frau. Dort trat sie ein, aber die Frau war nicht mehr da. Die Hütte sah ganz verlassen aus, so als wäre schon lange niemand mehr hier gewesen. Also ging sie weiter und reiste den ganzen Weg zurück, bis sie wieder zu Hause war. Ihre Großmutter freute sich sehr, als sie ihre Enkelin wohlbehalten zurück kommen sah und öffnete ihr die Tür. „Du hast ihn gefunden, meine Kleine!“ rief sie erfreut, als sie das Mädchen in ihre Arme schloss. „Ich kann es in deinen Augen sehen!“ „Ja, Großmutter, und hier ist der Schlüssel.“ sagte sie und zeigte ihn ihrer Großmutter. „Komm herein und setze dich, dann kannst du mir alles erzählen.“ Erst jetzt sah das Mädchen, dass die Großmutter schon sehr alt geworden war und ihr wurde bewusst, dass auch sie selbst nun erwachsen war. „Wie lange war ich denn auf Reisen?“ fragte sie nun ihre Großmutter. „Zehn Jahre, meine Kleine, “ sagte sie. „Oh, so lange? Es kam mir gar nicht so lange vor!“ Jetzt erzählte das Mädchen von ihrer Reise und was sie alles erlebt hatte. Es war schon spät in der Nacht, als das Mädchen, das jetzt eine junge Frau geworden war, mit ihrer Erzählung endete. „Weißt du, was die Blume des Lebens für dein Leben bedeutet?“ fragte die Großmutter Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Es ist dein Symbol und deine Aufgabe. Du musst dafür sorgen. dass das Leben auf der Erde beschützt wird. Du hast nun die Aufgabe den Menschen, die alles zerstören, vom Leben zu berichten und was es bedeutet am Leben zu sein.“ Sie nahm eine Kette aus einer Schachtel und gab sie ihrer Enkelin. „Hiermit kannst du deinen Seelentorschlüssel am Hals tragen.“ „Danke „, sagte die junge Frau und umarmte ihre Großmutter. „Jetzt gehen wir zu Bett. Morgen beginnt ein neues Leben für dich, meine Kleine!“ sagte sie lächelnd Die junge Frau wünschte ihrer Großmutter eine gute Nacht und legte sich schlafen. Sie freute sich auf ihre neue Aufgabe, aber sie wusste auch, dass sie nicht leicht sein würde.©Jutta Velten 2015